"Zwei Seelen schlagen, ach, in meiner Brust..."
J.W. von Goethe

Voice Dialogue - die Arbeit mit den inneren Anteilen

Die Arbeit mit den inneren Personen hat die Grundvorstellung, dass unsere Psyche keine Einheit ist, sondern ein lebendiges System, welches aus ganz unterschiedlichen Anteilen besteht. Jeder innere Anteil ist ganz individuell: er hat eine ganz bestimmte Art und eine ganz eigene Haltung gegenüber den Menschen, dem Leben und der Welt.  Um sich im inneren System und in der Außenwelt zu schützen und zu behaupten, entwickeln die inneren Anteile Überlebensstrategien, die von unterschiedlichster Natur sein können und immer wieder auf die augenblicklichen Umweltbedingungen angepasst werden.

Einige dieser unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile sind uns bekannt, viele jedoch nicht. Vielleicht kennen Sie verschiedene innere Anteile, ohne dass Sie sie je bewusst einzeln wahrgenommen haben: da gibt es z.B. eine innere Stimme, die mit großer Begeisterung und Freude einer Unternehmung zustimmt, gleichzeitig ist da aber auch eine Stimme, die protestiert, die sich fürchtet oder sogar das Projekt sabotiert. Sie fühlen sich „hin und her gerissen“, können sich nicht entscheiden und sind in Ihrem Handeln blockiert.

In der Arbeit mit den inneren Anteilen lernen wir diese verschiedenen Stimmen nach und nach kennen. Wir erfahren ihre Geschichte, ihre Wünsche und Bedürfnisse, ihre Aufgaben und Ziele sowie letztendlich ihre tiefe Liebe für uns, die unter all den Überlebensstrategien versteckt ist. Wir können die unterschiedlichen Haltungen immer besser verstehen und dadurch unser Gesamtverhalten einordnen. Dieses bewusste Kennenlernen und Annehmen der verschiedenen Stimmen führt zu einer Veränderung: einzelne Persönlichkeitsanteile entwickeln sich weiter und bestehen nicht mehr auf ihren Strategien, sondern haben den Mut, nach und nach ihre Überlebenslösungen aufzugeben und ihre ursprüngliche Gabe wieder in das Leben einzubringen. 

 


Wie lernt man die einzelnen inneren Anteile kennen?

Zu Beginn einer Sitzung sitzen sich Klient und Begleiter gegenüber. In einem Gespräch wird deutlich, um welche Person es in dieser Sitzung geht und es entsteht eine für diesen Anteil typische Energie im Raum. Jetzt bittet der Begleiter den Klienten, sich für diese innere Person einen Platz im Raum zu suchen.

 

Was jetzt passiert ist immer wieder faszinierend: Sobald der Klient auf den richtigen Platz für diese innere Person steht, ist er nur noch diese eine Person mit ihrer Ausstrahlung, Mimik, Sprache und Körperhaltung. Alle anderen Anteile des Klienten treten zurück und sind für diesen Moment nicht wichtig.

 

Dieses Phänomen ist auch aus der inzwischen recht verbreiteten Aufstellungsarbeit bekannt.

 

Die Aufgabe des Begleiters besteht darin, in einen Dialog mit diesem Anteil zu gehen und ihn zusammen mit dem Klienten bis in seine Tiefe kennenzulernen. Dies ist ein einfühlsamer und gleichzeitig spannender Prozess. Je tiefer Klient und Begleiter die innere Person kennenlernen, desto deutlicher werden die Beweggründe seines Handelns, desto klarer die entwickelten Überlebensstrategien. Wenn man die Tiefe einer inneren Person erreicht hat, wird die reine Liebe dieses Anteils für die eigene Person - die immer Ursprung allen Handelns ist - sicht- und fühlbar.

 

Erst durch diese tiefe Wahrnehmung und Wertschätzung einer inneren Person, ist diese in der Lage, sich weiter zu entwickeln, sich den gegenwärtigen Lebensumständen anzupassen und seine Strategien aufzugeben oder zum Wohle der ganzen Person zu verändern.

 

Der Begleiter hat dabei nicht die Rolle des belehrenden oder wertenden Therapeuten, sondern er muss sich mit allen seinen Sinnen völlig unvoreingenommen auf diese innere Person einlassen und sie wirklich verstehen wollen.

 

Diese Arbeit führt zu einer tiefen Erkenntnis und Erleben unserer verschiedenen Persönlichkeitsanteile und zu einer Harmonisierung unseres gesamten Systems.